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Graham Lack

Komponist

„Krater: Klanglandschaft für 12 Violinen, Orgel und hohen Sopran“

Sechs Tonhöhen bilden ganz zu Anfang des Werks „Impact“ für Violine solo von Tomasz Skweres eine Art Unwetterzelle: a–c#’, d#’–c’, h–a#’, der vierte Ton durch Vierteltonverzierungen verzerrt und verfremdet. Dieses Motiv, dessen scheintonale Intervallik eine aufsteigende Figurenkette aus Großterz, Kleinterz und Großseptime bildet, liegt der Klanglandschaft „Krater“ zugrunde – ein Krater, den man als eine durch Meteoriteneinschlag entstandene Mulde zu verstehen hat.

Im Grunde genommen ist „Krater“ eine 40-minütige Improvisation sowohl über „Impact“ als auch über Passagen aus Johann Sebastian Bachs Sonaten und Partiten für Violine solo. Die Bachschen Zitate wurden ganz bewusst ausgewählt und weisen eine ähnliche Melodik wie die Fragmente aus Skweres Werk auf. In den ersten sechs Minuten wird „Impact“ von den 12 Soloviolinen einmal komplett durchgespielt, mit dem performativen Merkmal, dass jede Solistin bzw. jeder Solist nur einen kurzen Abschnitt spielt um die lange Kantilene unmittelbar an die nächste Geige abzugeben und es allmählich zu geplanten Klangüberlappungen kommt.

Die Orgel wird nicht in traditioneller Weise eingesetzt, sondern fungiert zum einen als eine große Klangmaschine, die für das Universum steht. Zum anderen gibt sie die „sechsstellige“ Impact-Zelle in Form eines äußerst in die Länge ausgezogene Orgelpunkts über einen Gesamtzeitraum von 40 Minuten kontrolliert wider.

Nach etwa dem goldenen Schnitt – vereinfacht ausgedrückt also dort, wo sich der kleinere Anteil z.B. einer Linie oder in diesem Falle eines Zeitraums zum Größeren so verhält wie der Größere zum Ganzen – steigert sich peu à peu die Klangmenge bis zu einem Höhepunkt, der mittels Wind Chimes in Es-Dur und A-Dur angekündigt bzw. verabschiedet wird und dann um die 30-Minuten-Marke deutlich zu merken ist. Kurz davor wird der Sopran eingesetzt; auch die Gesangsstimme macht vom ursprünglichem Motiv Gebrauch, indem sie die sechs Tonhöhen stets mit Quartabstand im Spiegel- und in Rückwärtsform als e’’–d#’, as’–f’’, d’’–f#’ (kleine None, große Sexte, kleine Sexte) widergibt. Aus „Impact“ wird nun „Krater“.

Darüber hinaus werden an der Orgel nach etwa zwei Dritteln der Gesamtdauer der Improvisation drei barockartige Tänze gespielt, keine Originalsätze, sondern „nur“ Pasticcio-Kompositionen von Graham Lack, der u.a. für die Klangregie der Improvisation „Krater“ verantwortlich ist. Kurz vor Schluss singt die Sopranistin Zitate aus dem Kyrie der spektakulären, zwölfstimmigen „Missa Et ecce terrae motus“ – der sogenannten „Erdbeben“-Messe des franko-flämischen Komponisten Antoine Brumel (ca. 1460–1513), die sich auf einen gleichnamigen gregorianischen Kehrvers aus den Osterlaudes über den biblischen Bericht des Erdbebens bei der Öffnung des Grabes Jesu bezieht.

Die Verteilung der Lagen in den von Lack festgelegten, teils vollständig notierten Improvisationen über „Impact“ und diverse für Violine solo komponierte Werke Bachs lassen die klangfarbliche Wirkung des Instruments gegenüber der harmonischen hervortreten. Hier tritt der Spaß, ähnlich wie im Werk von Tomasz Skweres, am Geräuschhaften hervor anstelle der sonst nie so ganz intakten Harmonik. Es sind also Momente auszumachen, die mittels besonderer klangfarblicher Wirkungen einen ironischen Effekt erzeugen, mit dem Ergebnis, dass eine solche verfremdete – d.h. pittoreske – Ersatzkadenzierung häufig stattfindet.

Graham Lack


Der englische Komponist Graham Lack wurde 1954 im ehemaligen Kurort Epsom geboren. Er studierte Komposition, Musikpädagogik und Musikwissenschaft am renommierten King’s College und Goldsmiths’ College der University of London, an der University of Chichester und an der Technischen Universität Berlin. Von 1982-1992 war er Lecturer in Music an der University of Maryland.

Auftragswerke schrieb er in der letzten Zeit für The King’s Singers (Estraines – Premiere März 2009 in der Essener Philharmonie, erschienen auf der CD „From the Heart“ Signum), VOCES8 (Four Lullabies, CD „Christmas“, Signum) und den Multiperkussionisten Martin Grubinger (Wondrous Machine), Quartonal (Demesnes, CD „Another Way“ auf Sony Classical, UA Mecklenburg Vorpommern Festival 2013).

Sein Streichtrio The Pencil of Nature wurde 2011 in der Reihe musica viva in München uraufgeführt und vom Bayerischen Rundfunk aufgenommen. Für Orchester schrieb er ein Tongedicht Nine Moons Dark, sowie die Five Inscapes für Kammerorchester. Seine Preludes für Klavier solo wurden im Februar 2015 im Queen Elizabeth Hall London von Lukáš Vondráček uraufgeführt, das Orchesterwerk Sitherwood vom MonteverdiChor Würzburg und der Vogtland Philharmonie im selben Monat.

Zurzeit arbeitet er an einem Quintett für Violine, Viola, Violoncello, Horn und Klavier sowie ein Violinkonzert für Benjamin Schmid: The Windhover. Gewinner des 2015 Ortus International New Music Competition.

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